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© ART – Das Kunstmagazin | November 2021


Exklusiv für LUMAS Kunstliebhaber:
Gemeinsam mit dem Kunstmagazin ART präsentieren wir Ihnen hier jeden Monat einen ausgewählten Artikel
sowie einen Ausstellungstipp aus der aktuellen Ausgabe.
Vorbeischauen lohnt sich.



True Pictures?

Zeitgenössische Fotografie aus Kanada und den USA
Drei Museen hinterfragen gemeinsam den Wahrheitsanspruch der Fotografie

Braunschweig, Museum der Photographie, 11.09.2021 – 05.12.2021
Wolfsburg, Kunstmuseum, 30.10.2021 – 10.04.2022
Hannover, Sprengel-Museum, 06.11.2021 – 13.02.2022



PINGPONG und Erntezettel

Die documenta fifteen wird von ruangrupa kuratiert, einem Aktivisten-Kollektiv aus Jakarta. Zu Besuch im ruruHaus, wo die Indonesier neue Formen sozialer Teilhabe und kollektiven Lernens praktizieren und eine supernachhaltige Kunstschau planen

Text: UTE THON


Als vor zwei Jahren die Besetzung der Documenta-Leitung, einer der begehrtesten Kuratorenjobs weltweit, verkündet wurde, herrschte erst mal Kopfschütteln. ruangrupa? Wer soll das sein? Kaum einer kannte das indonesische Kollektiv, das die traditionsreiche Weltkunstschau in Kassel ausrichten sollte. Dass kein genialischer Einzelkämpfer aus dem westlichen Kunstbetrieb ausgewählt wurde, sondern ein Kuratorenteam aus Südostasien, war nicht die einzige Überraschung. Lediglich einer der neunköpfigen Gruppe hatte überhaupt jemals eine documenta besucht. Entsprechend launig fielen die ersten Kommentare aus. Zumal ruangrupa bei öffentlichen Auftritten nicht mit fertigen künstlerischen Konzepten kam, sondern vom »Lumbung«-Prinzip sprach, von Kollektivität und Ressourcenschonung als Grundlagen für die documenta fifteen. Lumbung ist das indonesische Wort für »Reisscheune«, steht aber auch für die Idee gemeinschaftlichen Besitzes, gerechter Verteilung und Mitbestimmung – ein Prinzip, das sich das Kollektiv aus Jakarta für all seine Projekte auf die Fahnen schreibt.



Artikelfotos

Foto 1: JaF in Taiwan, 2017, Foto National Taiwan Museum of Fine Arts | Foto 2: Art to the Limit 2017 Foto: INSTAR


Inzwischen hat sich die Gruppe in Kassel häuslich eingerichtet. Hauptquartier ist ein leer stehendes Kaufhaus an der Treppenstraße. Das ruruHaus soll als zentral gelegenes »Wohnzimmer« zum kreativen Zusammensein und Verweilen einladen. Ein Ort für soziale Interaktion. Bei ruangrupa heißt dieser wichtige Teil ihrer künstlerischen Praxis »nongkrong« nach dem indonesischen Slang-Begriff für »gemeinsam abhängen«. Bisher mussten die meisten Meetings allerdings pandemiebedingt im digitalen Raum stattfinden. Nur Performance- und Videokünstler Reza Afisina wohnt mit Frau und Kindern fest in Kassel. Andere ruangrupa-Mitglieder kommen zu Besuch, wobei das Reisen zwischen Asien und Europa immer noch schwierig ist. Indonesien ist Corona-Hochrisikogebiet und hat strikte Quarantänebedingungen verhängt.
An einem sonnigen Nachmittag Ende August wirkt das ruruHaus-Wohnzimmer ziemlich verwaist. Die abgewetzte Ledercouch im ersten Stock des ehemaligen Sportgeschäfts steht leer, an den Wänden ringsherum Postit-Notes und bunte Blätter mit Grafiken und Texten vergangener Treffen. Am Konferenztisch brütet die kubanische Künstlerin Tania Bruguera allein über ihrer Arbeit. Von irgendwo schallt Kindergeschrei und rhythmisches Pingpong-Geklacker, im Untergeschoss des leer geräumten Turnschuhtempels ist ein Tischtennis-Match im Gange. Da kommen Ade Darmawan und Reza Afisina hereingeschlendert und lassen sich mit geröteten Ausogen auf der Polstergarnitur nieder: ein typischer Tag im Zoom-Universum der verschwommenen Zeitzonen. Die Reisebeschränkungen seien sicher gut für die Klimabilanz, sagt Darmawan, aber für ihre Arbeitsweise seien die endlosen Digitalkonferenzen der Horror. Der indonesische Multimedia-Künstler mit dem lässig zerzausten grauen Haar ist inoffizieller Sprecher der Gruppe. Er hat zwei Jahre in Amsterdam studiert, die Jakarta-Biennale geleitet und 2016 mit ruangrupa die vielbeachtete »Transaction«-Schau im niederländischen Sonsbeek kuratiert. »Uns geht es immer um persönlichen Austausch, um nahe Begegnungen. Wir wollen eigentlich dieselbe Luft atmen wie die Leute, mit denen wir sprechen.«

»Kunstmarktstars sind auf der Liste nicht zu finden, dafür viele Kollektive aus dem geopolitischen Süden«


ruangrupa formierte sich im Jahr 2000 in Jakarta. Damals suchte die Gruppe junger Künstler und Künstlerinnen einen geschützten Raum, wo sie sich austauschen und vernetzen können. Es war die Zeit kurz nach dem Sturz des Suharto-Regimes, langanhaltende Studentenproteste und eine schwere Wirtschaftskrise hatten den seit 1967 regierenden Diktator zum Rücktritt gezwungen. Doch noch immer herrschte Angst vor Repressalien. Unter Suharto wurden Oppositionelle brutal verfolgt, öffentliche Versammlungen waren verboten, kontroverse Debatten konnten, wenn überhaupt, nur im Schutzraum der eigenen vier Wände stattfinden. Den ruangrupa-Aktivisten geht es weniger um die Produktion konkreter Kunstobjekte, sondern um einen Diskursraum, in dem sie Möglichkeiten und Potenziale von bildender Kunst als gesellschaftsverändernder Kraft ausloten können. Als Treffpunkt dient ihnen ein leer stehendes Haus im Süden der Stadt, das sie zum ruangrupa-Clubhouse umfunktionieren: »Studio, Bibliothek, Laboratorium, Party-Location, alles in einem.«



Artikelfotos

Foto 1: ruangrupa and Artistic Team Kassel 2021, Foto: Nicolas Wefers | Foto 2: Asphalt Cover-Ansicht


Später beziehen sie ein weiträumiges Lagerhaus und organisieren dort Ausstellungen Filmvorführungen, Konzerte, Workshops, publizierten Bücher, Magazine und Online-Journale. Den Space teilen sie mit anderen kreativen Gruppen – Architekten, Designern, Radiomachern – und formen so ein Community Center, das als kollektives Supportsystem für künstlerisch und sozial engagierte Leute funktioniert. Daraus geht auch die Gudskul hervor, eine Schule für kritisches Denken und zeitgenössische Kunst. Auf dem selbst gestalteten, etwa 1700 Quadratmeter großen Campus mit Räumen aus recycelten Schiffscontainern werden Kunst-, Musik- und Filmkurse angeboten, Karaoke-Abende und Workshops für Kuratoren und Kunstkritiker, alles in Eigeninitiative und ohne nennenswerte staatliche Unterstützung. Finanziert wird das Ganze durch Spenden, Sponsoren und Kursgebühren. Die Einnahmen werden kollektiv verwaltet und je nach Bedarf an die einzelnen Gruppenmitglieder verteilt – das Lumbung-Prinzip der gemeinsam verwalteten Ernte.
Auch in Kassel will sich das ruangrupa-Team nicht allein auf die eigenen guten Einfälle verlassen. Mit an Bord sind 14 »Lumbung-Members«, gemeinschaftsorientierte Kollektive und Kunstinstitutionen, die als Berater und Mitarbeiter eingeladen wurden, darunter das Instituto de Artivismo Hannah Arendt, kurz INSTAR, aus Havanna, ein Menschenrechtsverein rund um die Künstlerin und frühere Documenta-Teilnehmerin Tania Bruguera, das britische Kollektiv Project Art

Works, das Menschen mit Behinderungen zu mehr Sichtbarkeit im Kunstbetrieb verhilft und gerade für den Turner-Preis nominiert wurde, und die Jatiwangi Art Factory, ein indonesisches Gemeinschaftsprojekt, das aus einer abgewirtschafteten Ziegelfabrik einen pulsierenden kommunalen Kulturbetrieb mit florierender Terrakotta-Produktion gemacht hat.

Die documenta-Macher kommen in regelmäßigen Abständen mit den Lumbung-Mitgliedern zusammen, oft in herausfordernden Zoom-Meetings über 24 Zeitzonen hinweg. Dabei geht es immer wieder um die Frage, was aus den eigenen Erfahrungen übertragbar ist auf die Situation in Kassel: Was wäre sinnvoll, was hätte einen bleibenden Effekt. »Uns geht es nicht um das Aufstellen von Monumenten«, erklärt Ade Darmawan. »Wir wollen etwas Nachhaltiges hinterlassen. Wir sehen das als langfristiges Engagement, als lange Reise.« Um Kassel kennenzulernen und besser einschätzen zu können, was die Stadt braucht, haben sich die ruangrupa-Leute mit lokalen Gruppen und Initiativen vernetzt. Dabei kennen sie keine Berührungsängste: Sie sprechen mit Studierenden der Kasseler Hochschule, mit Wissenschaftlern aus Göttingen, aber auch mit dem türkischen Fußballverein FC Bosporus e.V. und den Machern der Obdachlosenzeitung.
Aus dem ruruHaus sendet schon jetzt eine Gruppe alternativer Radiomacher aus Kassel, das Kollektiv kmmn_practice arbeitet dort, im September gab es in Zusammenarbeit mit dem Randfilm-Festival Filmabende zum Thema Afrofuturismus, und der Ort wurde schon das zweite Jahr in Folge in die Kasseler Woche der Museen eingebunden. »Wegen Covid konnten wir das Haus lange nicht für ein breiteres Publikum öffnen, aber wir haben unsere neuen Freunde in Kassel eingeladen, diesen wunderbaren Ort für Aktivitäten zu nutzen, die im Lockdown nicht möglich gewesen wären«, erklärt Reza Afisina. Die Ergebnisse der vielen Gespräche fasst ruangrupa in den »Harvest Papers« zusammen, eigenwilligen Grafiken mit Sprechblasen, Pfeildiagrammen und cartoonhaften Zeichnungen, mit denen die Wände des ruru-Hauses zugepflastert sind. Auf einem Blatt sieht man fünf Ufos mit winkenden Aliens davonschweben, darunter der Text »In the past: documenta invades, lands, extracts & leaves«. Das sechste Ufo wirft einen Lichtkegel auf die Erde, in dem steht: »We invite locals to build with us«, und die »Resident Aliens« aus dem Cockpit rufen: »We flipping the skript.« Ganz oben auf ruangrupas Agenda steht Nachhaltigkeit, nicht nur in ökologischem, sondern auch in ökonomischem und sozialem Sinne.



Artikelfotos

Foto 1: documenta fifteen Hallenbad Ost, Foto: Nicolas Wefers | Foto 2: documenta fifteen HÜBNER Areal Innenansicht Kassel_2021, Foto: Nicolas Wefers | Foto 3: documenta fifteen WH 22 2021, Foto: Nicolas Wefers


Alle Beteiligten sollen fair bezahlt werden und die angestoßenen Projekte über 2022 hinaus wirken. Zudem soll ein bestimmter Geldbetrag in einem imaginären Pott landen, über dessen Verwendung im Kollektiv entschieden wird. »Es ist alles eine Frage des Kreislaufs. Wenn wir mit Gruppen aus Indonesien, Mali oder Kolumbien zusammenarbeiten, wollen wir nicht nur, dass sie hier in Kassel etwas präsentieren, sondern, dass etwas davon zurückfließt in den jeweiligen lokalen Kontext«, sagt Darmawan.
Irgendwann stellt sich dann aber doch die Frage, was auf der documenta fifteen wirklich zu sehen sein wird: Hängematten, Spendenboxen und Erntezettel? Natürlich ist sich ruangrupa bewusst, dass an diesen Mega- Kunstevent bestimmte Erwartungen geknüpft sind, große Künstler, beeindruckende Werke, spektakuläre Aktionen. Anfang Oktober hat das Team die Künstlerliste veröffentlicht – im Straßenmagazin »Asphalt«. Kunstmarktstars wie Jeff Koons, Neo Rauch oder Damian Hirst stehen da – wie nicht anders zu erwarten – nicht drauf, dafür der australische Aborigine-Künstler Richard Bell, der rumänische Cartoonist Dan Perjovschi und sehr viele Kollektive und sozial- und gesellschaftspolitisch engagierte Künstler aus dem geopolitischen Süden: Neuseeland, Mali, Nigeria, Bangladesch, Kolumbien und Palästina.

Man müsse sich keine Sorge machen, dass die nächste documenta nur im Netz stattfinden wird, beschwichtigt Sabine Schormann. Als Generaldirektorin ist sie nicht nur für die Finanzen zuständig, sondern für die ganze Logistik, für Ticketpreise und Mietverträge für documenta-Spielorte. »Es wird Ausstellungen vor Ort mit verschiedensten Medien und interdisziplinären Formaten geben«, sagt Schormann. Neben den klassischen Spielorten wie Fridericianum, documenta-Halle und Karlsaue hat ruangrupa den Kasseler Osten für sich entdeckt, ein Arbeiterstadtteil, der sich in Transformation befindet und nun in den Ausstellungsparcours mit einbezogen werden sollen.
Dort hat sich das documenta-Team ein gut 7500 Quadratmeter großes Industriegelände mit Produktionshallen aus den siebziger Jahren als Spielflächen gesichert, die mit ihrer spezifischen Architektur und den Nutzungsspuren ihre eigene Geschichte erzählen. »Wir haben uns diese großen Lokalitäten auch deshalb ausgesucht, damit wir im Falle möglicher Corona-Beschränkungen immer noch genug Platz für einen reibungslosen Publikumsverkehr haben«, erklärt Schormann.
Und was haben die Lumbung-Jünger aus Jakarta mit den Industrieruinen in Bettenhausen vor? »Wer die ruangrupa-Projekte kennt, weiß, dass es immer eine ganze Menge von sensorischen Angeboten gibt, nicht nur visuelle, sagt Ade Darmawan und lächelt dabei verschmitzt. Vielleicht dürfen wir seinen ruangrupa-Kollegen Mirwan Andan beim Wort nehmen, der im art-Gespräch im letzten Jahr erzählte, was ruangrupa außer Abhängen noch sehr gern macht: »Für uns ist Karaoke ein echter Weg, uns auszudrücken. Also ist es gut möglich, dass sich ein Teil der documenta um Musik und Karaoke drehen wird.« //



Wir setzen viel auf Upcycling

Wie nachhaltig ist die documenta? Generaldirektorin Sabine Schormann erklärt, wie sie die Großveranstaltung ressourcenschonender und inklusiver gestalten will und warum der Osten Kassels für ruangrupa spannend ist

Text: UTE THON


ART: Frau Schormann, wie läuft die Planung für die documenta fifteen? Fest steht, dass die Schau 2022 stattfinden wird, aber die Pandemie hat sicher auch Sie organisatorisch zurückgeworfen.
Sabine Schormann: Wir stehen ganz gut da. Natürlich hat Corona auch auf uns Auswirkungen gehabt. Digitales Arbeiten hatten wir von Anfang an eingeplant, zum einen, weil wir so international aufgestellt sind, und zum anderen auch, um Emissionen von Flugreisen zu vermeiden. Zwar erzeugen wir durch den Stromverbrauch unserer Videokonferenzen ebenfalls einen digitalen CO₂-Fußabdruck, dennoch werden durch die verringerte Mobilität weitaus mehr Emissionen eingespart. Natürlich waren physische Arbeitstreffen vorgesehen, etwa Reisen zu den Lumbung-Members. Die wurden letztlich zu fast 100 Prozent in den digitalen Raum verlegt, auch die frühen Künstler:innen- und Atelierbesuche haben nur digital stattgefunden. Dennoch ist es gelungen, in diesen großen digitalen Gesprächsrunden zu guten Ergebnissen zu kommen: Die künstlerischen Positionen stehen fest, fast alle Örtlichkeiten sind gewählt und die meisten ausgewählten Positionen auch auf das Kasseler Umfeld angepasst und hier verankert.

Welche neuen Räume wird es neben den klassischen documenta -Orten in Kassel, Fridericianum, documenta -Halle, Orangerie und Karlsaue, geben?
Zunächst einmal haben wir das ruruHaus eröffnet, ein ehemaliges Sportkaufhaus an der historischen Treppenstraße, das schon seit einem Jahr als Headquarter von ruangrupa, als Veranstaltungs- und Gemeinschaftsort dient. Außerdem rückt der industriell geprägte Kasseler Osten erstmals verstärkt in den Blick einer documenta – eine Gegend, die sich wie ein offenes Geschichtsbuch präsentiert. Das war ruangrupa wichtig, weil sich der Stadtteil in der Transformation befindet, wo es einerseits noch historisches Fachwerk gibt, andererseits aber auch Industrieanlagen – vom 19. Jahrhundert bis heute. Wir werden dort gut 7500 Quadratmeter eines Fabrikgeländes der Firma Hübner mit großen Produktionshallen aus den 1970er Jahren nutzen. Die werden nicht in einen White Cube umgewandelt, da ruangrupa an den Gebrauchs- und Geschichtsspuren interessiert ist. Weiter wird in Bettenhausen auch ein historisches Schwimmbad, das Hallenbad Ost, bespielt.

Das klingt nach realen Orten und echten Begegnungen mit Kunst. Die Besucher müssen nicht befürchten, dass sie die nächste documenta nur im Netz und mit VR-Brillen sehen können?
Keine Sorge: Es wird Ausstellungen vor Ort mit verschiedensten Medien und interdisziplinären Formaten geben. Wir haben uns diese großen Lokalitäten auch deshalb ausgesucht, damit wir im Falle möglicher Corona-Beschränkungen immer noch genug Platz für einen reibungslosen Publikumsverkehr haben. Sie eignen sich perfekt für Rundgänge – auch mit Abstandsregeln. Die digitale Ebene dient als Unterstützung, weil wir auch denjenigen Zugang verschaffen wollen, die nächstes Jahr wegen der Pandemie oder aus anderen Gründen vielleicht doch nicht physisch anreisen können. Teilhabe ist für uns ein wichtiges Thema.

Der globale Corona-Lockdown hat durch die vermiedenen Flugmeilen für Pluspunkte auf dem CO2-Konto der documenta gesorgt. Doch eigentlich sind solche Mega-Veranstaltungen ja echte Klimakiller. Wie wollen Sie Deutschlands größtes Kunstfestival nachhaltiger machen?
Das Augenmerk auf nachhaltige Lösungen zieht sich durch all unsere Bereiche – von der Konzeption und Organisation bis hin zur Produktion. Im Bereich der Mobilität herrschen strikte Reiseregeln, etwa dass Bahn vor Flugzeug geht, die von allen eingehalten werden. Bei den eingesetzten Autos setzen wir auf E-Mobilität, bei Kunsttransporten gilt Schiff vor Flugzeug. Zudem ist die ÖPNV Fahrtberechtigung Teil des Tickets zur documenta. Bei der Energieversorgung der einzelnen Standorte setzen wir auf Ökostrom und im Marketing versuchen wir, Print-Produkte sparsam zu verwenden. Und wenn, dann nur Recycling-Papier, bedruckt von einer zertifizierten Druckerei mit Umweltfarbe, dasselbe gilt für die Publikationen – bis hin zur Büroausstattung, die entsprechend umgestellt wird. Bei der Suche eines Dienstleisters sind ausgewiesene Konzepte für Nachhaltigkeit, darunter kontrollierte und umweltzertifizierte Produktionsprozesse, bedeutsam für die Auswahl. Diese Kriterien werden in allen Bereichen angewendet, auch beim Merchandise oder dem Catering-Angebot auf der documenta fifteen. Die Gastronomie ist generell ein großes Thema. Es wird einen Foodtruck-Market geben, nach Möglichkeit mit biozertifizierten Anbietern, die bereit sind, sich auf Mehrwegsysteme und Müllvermeidung einzulassen. Bei der documenta fifteen geht es aber nicht nur um die ökologische Nachhaltigkeit: Die ökonomische und soziale Nachhaltigkeit ist ebenso wichtig. Beteiligte werden fair bezahlt, ein bestimmter Geldanteil wird in einem gemeinschaftlich betreuten, imaginären Pott gesammelt, über dessen Einsatz im Kollektiv beraten wird. Die Lumbung-Members wurden ausgewählt, um gemeinsam an neuen Nachhaltigkeitsmodellen sowie kollektiven Praktiken des Teilens zu arbeiten – auch über die documenta fifteen hinaus.

» Die Orte werden nicht in White Cubes umgewandelt, ruangrupa ist an den Geschichtsspuren interessiert«

Aber es wird noch gedruckte Kataloge geben?
Ja, aber mit deutlich limitierter Auflage, dafür als E-Book und später über Open Access. Es wird die Möglichkeit geben, durch Lizenzverträge die Kataloge in anderen Ländern, zum Beispiel in Südamerika, von dortigen Druckereien bedarfsgerecht zu drucken, damit man die Bücher nicht verschiffen muss – und um Übersetzungen in andere Sprachen für Kleinstauflagen zu ermöglichen.

Wie wirkt sich der Nachhaltigkeitsansatz auf die Ausstellungsarchitektur aus?
Wir werden viel auf Wiederverwertung setzen, auf Upcycling und nachhaltigen Materialeinsatz. Ziel ist es auch, ein Netzwerk von Kollektiven und Initiativen aufzubauen, das sich mit der Verteilung und Wiederverwendung von Materialien beschäftigt. Im Juli haben wir dazu zahlreiche deutschsprachige Initiativen aus dem Bereich der Materialverteilung zu einem Symposium eingeladen, um gemeinsam über das Potenzial und die Einführung von Materialkreisläufen zu sprechen. Trotzdem werden wir nicht zu 100 Prozent klimaneutral sein, das würde in letzter Konsequenz nur funktionieren, wenn es die documenta gar nicht gäbe. Wir glauben schon, dass das gemeinsame Kunst-Erleben, Zusammenkommen und Voneinander-Lernen, alles das, was ruangrupa am Herzen liegt, den Aufwand rechtfertigt.

Könnten Sie den CO2-Fußabdruck der documenta nicht durch Ausgleichszahlungen wettmachen?
Wir werden keine klassischen Kompensationszahlungen leisten, wir machen etwas anderes: Ein Euro jedes verkauften Tickets geht an langfristig angelegte Nachhaltigkeitsprojekte, zum Beispiel zur ökologischen Anreicherung von Ölpalmen- und Kautschukplantagen in der Region Jambi in Sumatra und hier in der Region zur Aufforstung des Reinhardswaldes bei Kassel. Dafür arbeiten wir jeweils lokal verankert mit der Universität Göttingen und HessenForst sowie der Universität in Jambi und dem künstlerischen Kollektiv Rumah Budaya Sikukeluang aus Sumatra zusammen. Ein erwünschter Effekt dadurch ist die weitere Sensibilisierung der Besucher: innen: Auch wenn jemand nur aus Kassel zur Ausstellung anreist – und sei es zu Fuß –, ist er trotzdem Teil des Ganzen und trägt zum CO2-Abdruck bei, der infolge einer solchen Ausstellung entsteht.

Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie denn? Bei den vorangegangenen documenta - Ausgaben war das ja immer eine Art Überbietungswettbewerb mit dem Ziel, die Millionenmarke zu knacken.
Nein, das ist nicht unser Ziel. Auch der Oberbürgermeister hat gesagt, es gehe jetzt nicht um schneller, höher, weiter. Für uns geht es um Relevanz, um die Themen unserer Zeit, und dazu gehört auch die Einsicht, dass weniger manchmal mehr ist. Hinzu kommt, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht wissen, inwieweit wir kommenden Sommer noch mit Einschränkungen beim Ausstellungsbesuch rechnen müssen. Wir spekulieren also nicht mit der Million, sondern hoffen, dass die persönliche Begegnung im Rahmen des Ausstellungsbesuchs 2022 wieder uneingeschränkt möglich ist und laden alle Menschen herzlich ein, nach Kassel zu kommen.

Zuletzt gab es wieder kritische Stimmen zur documenta . Eine Ausstellung im DHM entzauberte den Gründungsmythos. Werner Haftmann und andere Gründungsväter stehen jetzt als NS-Sympathisanten da, sogar als NS-Täter. Wird das ein Thema der documenta fifteen werden?
Bei der kommenden documenta steht das Thema nicht im Fokus. ruangrupa geht es eher um eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Plattform, deren Beteiligte Praktiken und Arbeiten zeigen, die von intersektionalen, dekolonialen und machtkritischen Ansätzen geprägt sind. Dennoch wird das NS-Thema bei der documenta nicht ausgeblendet. Dafür ist das Documenta-Archiv zuständig, das ja auch an der Berliner Ausstellung beteiligt war. Dort und in dem neuen Documenta-Institut wird das Thema weiter aufgearbeitet.

Zum ruangrupa-Prinzip gehört das Teilen und Voneinander-Lernen. Was haben Sie von dem Kuratorenteam bislang gelernt?
Eine große Ehrlichkeit, Zugewandtheit und Aufgeschlossenheit anderen Menschen gegenüber. Wenn hier von Kollektiven, Gemeinschaft und all diesen Schlagwörtern die Rede ist, dann ist das auch wirklich so gemeint. Ein Beispiel: 2019 hatten wir hier das erste Treffen mit ruangrupa, es war November, Nieselregen, der letzte Abend und wir sind zusammen zum FC Bosporus e.V. gegangen, einem lokalen Fußballverein. Es war eine Champions-League-Nacht und zusammen mit etwa 80 Fußballfans, die für die Türkei waren, sahen wir zu, wie Galatasaray Istanbul gegen den FC Chelsea eine herbe Niederlage einstecken musste. Entsprechend am Boden war die Stimmung. Irgendwann entdeckten die ruangrupa-Mitglieder, dass es im Garten Lautsprecher gab, die sie mit ihrem Smartphone verbanden. Und am Ende tanzten und feierten alle im Nieselregen zu indonesischem Hip-Hop rund um ein Lagerfeuer. All das hatte sich spontan und ohne Berührungsängste entwickelt. Ich hoffe, dass so ein Funke auch bei der documenta im nächsten Jahr überspringt. //




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True Pictures?

Zeitgenössische Fotografie aus Kanada und den USA
Drei Museen hinterfragen gemeinsam den Wahrheitsanspruch der Fotografie

Braunschweig, Museum der Photographie, 11.09.2021 – 05.12.2021
Wolfsburg, Kunstmuseum, 30.10.2021 – 10.04.2022
Hannover, Sprengel-Museum, 06.11.2021 – 13.02.2022


Ausstellungsfotos

Foto 1: Flint Students and Community Members outside Northwestern High School (est. 1964) awaiting the arrival of President Barack Obama, May 4th 2016, II (aus der Serie Flint is amily I, 2016/2017) Silbergelatineabzug, 71,1 x 61 cm, gerahmt © LaToya Ruby Frazier Courtesy die Künstlerin und Gladstone Gallery, New York und Brüssel | Foto 2: UPMC Professional Building Doctors’ Offices, 2011 (aus der Serie The Notion of Family, 2001–2014) Silbergelatineabzug, 50,8 x 61 cm, gerahmt © LaToya Ruby Frazier Courtesy die Künstlerin und Gladstone Gallery, New York und Brüssel| Foto 3: Jean-Claude, Silvio, Émile et Antonio, jardin d’Antonio, Flénu, Borinage, 10 Octobre 2016 (aus der Serie Et des terrils un arbre s'élèvera, 2016–2017) Silbergelatineabzug, 151,1 x 121,9 cm, gerahmt © LaToya Ruby Frazier Courtesy Collection Musée des Arts Contemporains au Grand-Hornu, propriété de la Fédération Wallonie-Bruxelles | Foto 4: Momme, 2018 (aus der Serie The Notion of Family, 2001–2014) Silbergelatineabzug, 50,8 x 61 cm, gerahmt © LaToya Ruby Frazier Courtesy die Künstlerin und Charlotte Feng Ford Collection | Foto 5: Shea brushing Zion’s teeth with bottled water in her bathroom (aus der Serie Flint is Family I, 2016/2017) Silbergelatineabzug, 71,1 x 61 cm, gerahmt © LaToya Ruby Frazier Privatsammlung Courtesy Beaman Delman Fine Arts


Auf die Idee, berühmte Bilder der Fotografiegeschichte aus Katalogen abzufotografieren und anschließend in einer Galerie als eigene Werke auszustellen, muss man auch erst einmal kommen. Sherrie Levine wurde damit 1981 schlagartig berüchtigt, also zu einer Zeit, als die Kunst des konzeptionell veredelten Diebstahls ihre mittlerweile klassisch gewordene Hochphase erlebte. Andere Mitglieder der levineschen »Pictures Generation« sind Richard Prince, der den Marlboro-Mann ins Museum holte, Vikky Alexander und – mit leichten Abstrichen – Cindy Sherman, deren Selbstporträts aus der Untitled Film Stills-Serie filmischen Standbildern nachempfunden waren. Sie alle einte das Misstrauen gegenüber dem Wahrheitsanspruch fotografischer Bilder, wobei ihr Misstrauen schon damals aus der Faszination für das erwuchs, was wir heute Bilderflut nennen Es liegt mehr als nahe, dass die Pictures Generation den historischen Auftakt zum großen, von gleich drei niedersächsischen Museen getragenen Ausstellungsprojekt »True Pictures?« bildet. Es geht dabei um eine Bestandsaufnahme der Fotografie im digitalen Zeitalter, aber vor allem um nicht weniger als einen Überblick der wichtigsten Vertreter der künstlerischen Fotografie in den USA und Kanada seit dem Jahr 1980.
Für diese selbst gestellte Mammutaufgabe hat sich Stefan Gronert, Fotografiekurator des sprengel-museums in Hannover,

strategischen Geleitschutz geholt. Außer seinem Haus stimmen auch das museum für photographie in Braunschweig sowie das Kunstmuseum Wolfsburg in die Frage nach den wahren Bildern ein.
Allerdings stemmt Gronert eindeutig die Hauptlast, indem er Werke von mehr als 35 zeitgenössischen Fotografen auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern versammelt. Zu diesem Best-of der kritischen Bilderproduktion gehören Stars wie Jeff Wall, Taryn Simon und Gregory Crewdson, aber auch jüngere Künstler wie Martine Gutierrez, die in ihren Selbstporträts Themen wie Gender und Identität behandelt.
Bescheidender ist der Anspruch in Braunschweig. Unter dem Titel »Vom Dokument zum Konzept« stellt Kuratorin Barbara Hofmann-Johnson mit Erica Baum, Ingeborg Gerdes, Owen Gump, Rebecca Hackemann und Ketuta Alexi-Meskhishvili fünf eher unbekannte US-Künstler vor, die beispielhaft für die skeptische Wende innerhalb der jüngeren Fotografiegeschichte stehen.
Das kunstmuseum wolfsburg widmet sich einer einzelnen Position: LaToya Ruby Frazier behandelt in ihren biografisch gefärbten Fotoessays klassische sozialkritische Themen wie Rassismus, Umweltverschmutzung und Arbeitsmigration. //


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