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Geschichte der Fotografie: Teil 1

„Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut“, sagte bereits der weltbekannte Fotograf Henri Cartier-Bresson. Aber was genau macht eine Fotografie zu einem epochalen Kunstwerk und einem Meilenstein der Kunstgeschichte – beziehungsweise: ist Fotografie überhaupt Kunst?

Der Anfang: Gegenstimmen bewährter Genres

Viel wurde darüber in der vergleichsweise kurzen Geschichte der Fotografie diskutiert. Insbesondere unmittelbar nach der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert sahen sich Porträtmaler regelrecht bedroht und fürchteten um ihre Daseinsberechtigung. Wer würde sich noch porträtieren lassen, wenn eine technische Apparatur dies viel präziser und wirklichkeitsgetreuer übernehmen könnte? Aber auch Maler anderer Genres fürchteten um ihre Existenz und reagierten mit Ablehnung.

Die Malerei hat die revolutionäre Erfindung trotz allem überlebt. Sie hat sogar von den Errungenschaften der Fotografie profitiert und sich durch die innovativen Möglichkeiten immer wieder neu erfunden. Die Arbeiten von Gerhard Richter, dem wohl berühmtesten Maler unserer Zeit, basieren fast ausschließlich auf Fotografien. Sie sind Ausgangspunkt oder integraler Bestandteil seiner Werke.

Die Fotografie wird zur eigenständigen Kunstgattung

Aber auch die Fotografie selbst ist mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem niemand ihre Daseinsberechtigung bezweifelt: Längst wird sie in einem Atemzug mit den etablierten Kunstgattungen Malerei, Skulptur und Architektur genannt. Seit jeher haben Künstler versucht mit den ihnen zur Verfügung stehenden ästhetischen Mitteln Antworten auf die Fragen ihrer Zeit zu suchen. Egal, ob es sich dabei um Höhlenmaler handelt, die vor 37.000 Jahren Gravuren und Zeichnungen in der Grotte von Chauvet verewigten, oder den Urvater der Fotografie, Joseph Nicéphore Niépce, der 1826 mit dem ersten Foto der Welt eine neue Ära der Kunstgeschichte einleitete.

Aber erst im 20. Jahrhundert entwickelte sich Fotografie parallel zum Medium Film zu einer der wichtigsten existierenden zeitgenössischen Kunstformen. Das klassische Medium Malerei galt vielen als historisch überholt und damit ungeeignet, schlüssige visuelle Antworten auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu liefern. Doch wie entwickelte sich aus der Fotografie, die ein dokumentierendes und praktisches Medium war, eine eigene Kunstform? Wie kommt es, dass Fotografie heute, insbesondere bei jungen Menschen, einen höheren Stellenwert hat als Malerei oder Skulptur?

Fotografien von Meistern wie Man Ray, Walker Evans, Erwin Blumenfeld, Edward Steichen oder Horst P. Horst sind längst Klassiker der Fotografiegeschichte. Um diese Wertschätzung einzuordnen, werfen wir in diesem und in den kommenden LUMAS Art Magazines einen Blick auf prominente Beispiele aus der Geschichte der Fotografie. In dieser Ausgabe liegt der Fokus auf einer fotografischen Ikone von Eadward Muybridge.

Von einer Bewegungsstudie zum ersten Film

Aufgrund der fortschreitenden technischen Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden für Fotografen neue Möglichkeiten, bspw. Mehrfach- oder Langzeitbelichtungen, aber auch das Festhalten einzelner Bewegungssequenzen. Einer der wichtigsten Vertreter dieses sogenannten „Dynamismus“ in der Gattung der Fotografie war der Brite Eadward Muybridge. Bevor sich Muybridge seiner Racing Study widmete, herrschten bei Künstlern falsche Vorstellungen von Bewegungsabläufen. Insbesondere bei solchen, die aufgrund hoher Geschwindigkeit für das menschliche Auge nicht sichtbar sind und sich nur erahnen lassen.

Auf seinem berühmten Gemälde „The Derby at Epsom“ aus dem Jahr 1821 zeigt der Maler Théodore Géricault deutlich, dass er – genau wie viele seiner Zeitgenossen – der Überzeugung war, dass Pferde im Galopp den Bodenkontakt völlig verlieren. Muybridge aber entwickelte eine völlig neue Technologie, um zu beweisen, dass das menschliche Auge einen solch komplexen Bewegungsablauf nicht abstrahieren kann. Er stellte zwölf Kameras hintereinander auf, sodass er eine Fotoserie aufnehmen konnte. Und bewies damit das Gegenteil! Daraus entstand schlussendlich sogar der erste Film der Welt: und es war der Beginn einer rasanten Entwicklung.

Muybridges erklärtes Ziel war es, Künstlern, aber auch der Wissenschaft, mit seinen Serienaufnahmen neue Erkenntnisse zu vermitteln. Spätestens jetzt nahm die Fotografie eine Bedeutung ein, die nicht mehr in Abrede gestellt werden konnte und Künstler entwickelten das Medium innerhalb der vorherrschenden Strömungen zu einem ganz eigenen Instrument, das immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte.

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Über den Autor:

Jan Seewald

Dr. Jan Seewald studierte Kunstgeschichte u.a. am renommierten Courtauld Institute of Art in
London und ist Experte für Fotografie.