Thomas Vincents Leuchtobjekte halten eine Kugel an ihrem Platz – und lassen sie scheinbar durch den Raum wandern. Zwischen farbigen Acrylglasplatten schwebt ein Körper aus Opalglas, dessen Spiegelungen an die Nachbilder einer Bewegung erinnern. Die Konstruktion ist klar geordnet, ihre Wirkung entzieht sich dem ersten Blick. Mit seiner Serie „Lớp“ verbindet der französische Designer die Präzision eines Gebrauchsgegenstands mit der optischen Vieldeutigkeit einer Lichtskulptur.
Hinter dieser scheinbaren Schwerelosigkeit steht eine Arbeitsweise, die unmittelbar am Material ansetzt. Um im direkten Austausch mit der Fertigung zu entwerfen, führte Vincents Weg von Frankreich nach Vietnam. Sein Designstudio liegt dort zwischen zwei Fabrikhallen: Vom Zeichentisch zur Werkbank und zurück wird aus einem Einfall ein erprobtes Objekt. „Design ain’t no office job“, lautet sein Motto. Für Vincent ist die Umsetzung nicht bloß der letzte Schritt eines Entwurfs, sondern der Ort, an dem sich dessen Möglichkeiten erst erschließen. Diese Haltung trägt auch die von ihm mitgegründete Marke BằNG im Namen: Das vietnamesische Wort verweist sowohl auf das Material, aus dem etwas besteht, als auch auf den Prozess, durch den es entsteht.
Auch „Lớp“ benennt das eigene Gestaltungsprinzip: Das Wort bedeutet auf Vietnamesisch „Schicht“. Am Anfang stand die Vorstellung von etwas, das in etwas anderem schwebt. Vincent übersetzt sie in eine Folge dünner, parallel angeordneter Acrylglasplatten, zwischen denen die leuchtende Kugel sitzt. Jede Fläche nimmt ihr Spiegelbild auf; durch die Wiederholung gewinnt der einzelne Körper eine scheinbare Bewegungsrichtung. Die Platten fassen das Licht ein und vervielfachen zugleich seine Erscheinung. Dabei bleibt der Aufbau sichtbar: Vier Edelstahlstäbe verbinden die Schichten an ihren Ecken. Diese Offenheit entspricht Vincents Anspruch, verständliche, reparierbare Gegenstände zu entwerfen – auch das Leuchtmittel lässt sich austauschen. Die Leichtigkeit der Erscheinung beruht auf einer bewusst handfesten Konstruktion.
Wie unterschiedlich dieselbe Geometrie wirken kann, zeigen „Small Square Orange“ und „Small Square Blue“. In der orangefarbenen Variante geht das Gelb der leuchtenden Kugel in die warme Farbigkeit der umgebenden Platten über. Die blaue Version setzt einen anderen Akzent: Hier trifft ein rotes Leuchtmittel auf blaues Acrylglas, die Kugel erscheint violett. Mal verbinden sich Lichtkörper und Umgebung durch verwandte Töne, mal treten sie durch ihren Farbkontrast auseinander. Die Farbe schmückt die Konstruktion nicht bloß; sie bestimmt, wie wir ihre Schichten, Spiegelungen und räumliche Tiefe wahrnehmen.
In „Lớp“ findet Vincents Leitgedanke der „Unboring Objects“ eine präzise Form: Alltagsgegenstände, die ihre Funktion erfüllen und dennoch Anlass zur Entdeckung geben. Schon im Tageslicht tritt die geschichtete Form als skulpturales Objekt hervor; eingeschaltet verändert sie ihre Erscheinung durch das Licht, das sie selbst erzeugt. Die besondere Spannung liegt darin, dass die sichtbaren Bestandteile den optischen Eindruck erklären, ohne ihn aufzulösen. Man versteht, was man sieht – und sieht doch mehr, als tatsächlich da ist.
Thomas Bình-Minh Vincent ist ein französischer Designer mit Lebensmittelpunkt in Ho-Chi-Minh-Stadt. Nach seinem Abschluss an der STRATE École de Design in Paris zog er 2016 nach Vietnam und begann seine Arbeit beim Leuchten- und Möbelhersteller Elek. Gemeinsam mit Elek gründete er 2021 die Designmarke BằNG, deren gestalterische Ausrichtung er als Creative Director prägt. Seine Entwürfe wurden unter anderem mit dem Archiproducts Design Award und dem German Design Award ausgezeichnet.